|
Friedrich Pospiech
Wo beginnen? Auf welcher Ebene, über den zu verstärkenden
Widerstand gegen den Raubtierkapitalismus hinaus um die politische Macht
kämpfen?
Zu gar nicht so seltenen Bedenken und Problemen im
Prinzip Gleichgesinnter
Lieber Freund und Weggefährte! Du beziehst Dich nur auf meinen zweiten
Artikel zur Neoliberalen Globalisierung, auf die Antwort an Karl Wild. Du bist
"mit vielem einverstanden", hast aber "trotzdem Probleme"
mit meinem Artikel. Und zwar deshalb, "weil in ihm als Antwort auf die
neue Etappe der EU nur der Klassenkampf in den Nationalstaaten gesehen
wird". Du vermisst in meinem Text als "eine ganz wichtige
Aussage die Notwendigkeit, den Kampf über die Ebene der Nationalstaaten
hinauszuführen, ihn zu einem gemeinsamen, internationalen Klassenkampf
für gemeinsame Ziele in der EU zu machen". Das gelte "sowohl
für die Gewerkschaften, als auch für die Kommunistischen Parteien,
und auch für attac"
Ich meine, die Differenz zwischen unseren Auffassungen liegt nicht bei der
internationalen Vernetzung. Ihr messe ich die gleiche Bedeutung zu wie Du. Die
Differenz liegt in der strategischen Orientierung. Dir geht es in diesem
Zusammenhang bei Deinen Vorstellungen um die Entwicklung von Widerstand gegen
Sozial- und Demokratieabbau, gegen ein Festschreiben von Neoliberalismus und
Militarisierung durch die EU-Verfassung, für Frieden und bessere
Lebensbedingungen usw. Und dies auf nationalstaatlicher Ebene und EU-weit, mit
der erhofften Perspektive eines "europaweiten Generalstreiks". Mir
geht es um mehr. Mir geht es um die Entwicklung solchen Widerstands, aber damit
in Verbindung um das Erringen der politischen Macht für die Arbeiterklasse
und ihre Verbündeten. Wir brauchen ja nicht nur irgendeine andere Politik,
sondern auch eine völlig andere Regierung, eine die den Neoliberalismus
stoppt, eben eine zumindest im Kern antimonopolistische.
Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, wo ist der Hebel anzusetzen,
womit muss begonnen werden. Für Dich soll der "gemeinsame,
internationale Kampf natürlich jeweils in den Nationalstaaten
ausgetragen" werden, aber vor allem "für gemeinsame Ziele in der
EU". Du unterstreichst: "Erst wenn es ein gemeinsamer ,
internationaler Kampf der Gewerkschaften und Kommunistischen Parteien für
gemeinsame europaweite Ziele wird, der jeweils innerhalb der Nationalstaaten
ausgetragen wird, erst dann wird er wirklich Erfolg haben". Ziele und
Erfolg sind nicht näher definiert, bewegen sich aber zweifellos im Rahmen
des Widerstands gegen die Schandtaten des Kapitals. Vom einem Erringen der
politischen Macht ist keine Rede!
Natürlich muss der Widerstand auf allen Ebenen, nicht nur europa-
sondern auch weltweit vernetzt und verstärkt werden, ein Beispiel ist das
Weltsozialforum und seine Ableger. Das versteht sich eigentlich von selbst. Wo
aber ist der Hebel anzusetzen, wenn es um das Erringen der politischen Macht
geht, wenn möglich natürlich auch mit Hilfe eines Generalstreiks.
Aber abgesehen davon, dass er wegen der unterschiedlichen
Bewußtseinsstände, Organisationsgrade und Kampfmöglichkeiten in
den 25 Ländern der EU "europaweit" absolut irreal ist, wohl aber
in einzelnen Ländern möglich werden könnte, wäre eine
Zielsetzung, die gegenwärtige neoliberale EU-Kommission durch eine im Kern
antimonopolistische EU-Regierung zu ersetzen, ohnehin abwegig. Denn die
politische und militärische Macht liegt ja bei den nationalstaatlichen
Regierungen. Sie bestimmen die Zusammensetzung und Politik der EU-Kommission.
Das heißt der Hebel muss dort angesetzt werden, wo die tatsächliche
Macht ausgeübt und dem entsprechend auch erkämpft werden kann und
muss. Die Aufgabe stellte sich nur dann anders, wenn es sich bei der EU um
einen Bundesstaat wie die BRD handeln würde, wo dann Frankreich oder
Deutschland in Europa noch so viel Macht und zu sagen hätten, wie Bayern
oder Niedersachsen in der BRD.
Wenn Du allerdings - so wie gar nicht wenige - der Meinung sein solltest,
dass der einzelne Nationalstaat wegen der starken Verflechtung der
Weltwirtschaft, gar nicht - auch nicht schrittweise - auf eine anti-neoliberale
Politik, also in Richtung Sozialismus umsteigen könne, dann allerdings
wäre in der Konsequenz ein Erringen der politischen Macht durch die
Arbeiterklasse im nationalstaatlichen Rahmen weder sinnvoll noch
erstrebenswert, ja müsste als schädlich weil illusionär
abgelehnt werden. Das mit der Verflechtung der Weltwirtschaft gälte dann
allerdings ähnlich auch für die EU-Ebene und liefe zwangsläufig
darauf hinaus auch einen Sozialismus auf unabsehbare Zeit als nicht mehr
machbar einzustufen. Übrig bliebe allein der hinhaltende, meist erfolglose
Widerstand gegen die weltweite Verarmungs- und Verelendungsspirale. Ein
Widerstand auf immer wieder zurückverlegten "Auffangpositonen",
um noch Schlimmeres zu verhindern oder wenigstens zu verzögern. Wahrlich,
eine katastrophale Perspektive.
Angesichts dieser Alternative muss meines Erachtens in möglichst
vielen, insbesondere EU-Ländern, wenigstens der Versuch unternommen
werden, auf nationalstaatlicher Ebene mit dem Herausbrechen einzelner Steine
bzw. Staaten aus der neoliberalen "Festung Europa" zu beginnen.
Daraus lassen sich dann Aufgaben auf nationalstaatlicher Ebene ableiten:
- Vernetzung der Gewerkschaften und der Kommunistischen und Linksparteien zur
Entfaltung des Widerstands entsprechend den speziellen Anliegen und Bedingungen
in jedem einzelnen Land; und perspektivisch für das Erringen der
politischen Macht und Zustandekommen einer antimonopolistischen Regierung des
Landes.
- Entsprechende europaweite und auch weltweite Vernetzung,
einschließlich internationaler Branchengewerkschaften und
Konzernbetriebsräte, zur Entwicklung und Verstärkung gemeinsamer
Aktionen des Widerstands für gemeinsame Forderungen. Zum Beispiel gegen
Sozial-, Lohn- und Demokratieabbau, für höhere Löhne und
kürzere Arbeitszeit, gegen Militariserung und Kriegseinsätze,
für ein Verhindern, nicht "Verbessern" der EU-Verfassung.
- Gegenseitige Solidarität mit Aktionen in den anderen Ländern bis
hin zur aktiven Unterstützung und Verteidigung dort zustandegekommener
antimonopolistischer Regierungen. Gegenseitige aktive Unterstützung der
Kämpfe gegen die EU, für ihre Demontage, für ein anderes Europa.
Perspektivisch etwa für eine Art Bund Antimonopolistischer Staaten in
Europa.
Das muss hier genügen. Weitere Argumente und Fakten findest Du in
meinem Auftaktartikel "Vorschläge für eine Alternative zur
Neoliberalen Globalisierung: Zunächst den Raubtierkapitalismus an die
Kette legen! - Aber wie?", dem sich meine Antwort an Karl Wild
anschloß. "Sowie in meinen beiden neueren Artikel zum gleichen
Thema, die dann folgten: "Nur Rückzugsgefechte gegen Lohn- und
Sozialraub? Besser Gegenoffensive!" und "Sind
Produktionsverlagerungen ins Ausland wirklich unvermeidlich, werden dadurch die
Lebensbedingungen angeglichen?" Aufzurufen auch unter:
http://hometown.aol.de/friedpospiech/homepage/banken.html
|
25.2.2005
|