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Arno Neuber
60 Jahre auf dem "Deutschen Weg"
2005 feiert die Bundeswehr mit Pomp und Zapfenstreich ihr 50jähriges
Bestehen. Als offizielles Gründungsdatum galt bislang der 12. November
1955, als an Scharnhorsts Geburtstag die ersten 101 Freiwilligen
einrückten. Neuerdings wird der 6. Juni 1955 als Gründungstag genannt
- der Tag an dem das "Amt Blank" in "Bundesministerium für
Verteidigung" umbenannt und Theodor Blank als erster Verteidigungsminister
vereidigt wurde.
Tatsächlich bildet das Jahr 1955 nur den Abschluss einer Etappe der
Remilitarisierung Westdeutschlands, die unmittelbar nach der totalen Niederlage
der Wehrmacht und des Nazi-Faschismus begann.
"Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand
abfallen", hatte Franz Josef Strauß nach 1945 getönt. Und der
SPD-Politiker Carlo Schmid erklärte 1946: "Wir wollen unsere
Söhne niemals mehr in die Kasernen schicken, und wenn noch einmal irgendwo
der Wahnsinn des Krieges ausbrechen sollte, dann wollen wir eher untergehen und
dabei das Bewußtsein haben, daß nicht wir Verbrechen begangen und
gefördert haben. In einem wollen wir kategorisch sein: Wir wollen in
Deutschland keinen Krieg mehr führen, und wir wollen darum auch keine
Vorbereitungen treffen, die das Kriegführen ermöglichen können,
weder im politischen noch im wirtschaftlichen
Sinne."1
Auch Konrad Adenauer gab sich pazifistisch: "Wir sind einverstanden,
daß wir völlig abgerüstet werden, daß unsere reine
Kriegsindustrie zerstört wird (...) Ja, ich will noch weitergehen, ich
glaube, daß die Mehrheit des deutschen Volkes einverstanden wäre,
wenn wir wie die Schweiz völkerrechtlich neutralisiert
würden."2
Diese Äußerungen führender Politiker der westlichen
Besatzungszonen standen in Einklang mit der Stimmung und
Überzeugung der überwältigenden Mehrheit der deutschen
Bevölkerung, aber sie verdeckten nur, was hinter den Kulissen längst
beschlossene Sache war: Alle Möglichkeiten zu nutzen, um Deutschland
erneut aufzurüsten und - wie es damals noch entwaffnend offen hieß -
so schnell wie möglich eine neue deutsche Wehrmacht aufzubauen.
Dabei spielten drei Interessenstränge zusammen.
Zum Einen das Interesse der politischen Kreise um Konrad Adenauer an einer
starken Armee, möglichst mit Atomwaffen, auf die sie ihre Politik
stützen und die Wiedereinverleibung der "Sowjetzone" erreichen
konnten.
Zweitens das Interesse der alten Wehrmachtsführung an ihrer
Rehabilitierung und der Wiederbelebung der militaristischen deutschen
Traditionen.
Zum Dritten - und ohne das ging es nicht - das Interesse des
US-Imperialismus an deutschen Hilfskräften im Kampf gegen die Sowjetunion
und die Zurückdrängung des Sozialismus.
Sowohl die Adenauer-Regierung als auch die US-Führung waren auf die
Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges aus. Adenauers erstes
außenpolitisches Ziel war die Wiedereinverleibung der
"Sowjetzone" und die US-Politik betrieb unter den Schlagworten
"containment" und "roll back" den globalen Kampf gegen den
Sozialismus.
Konrad Adenauer schürte zwar gerne die Angst vor der Gefahr aus dem
Osten und beschwor die "Verteidigung des Abendlandes" gegen den
"Bolschewismus" ("Asien steht an der Elbe": Bald, S. 20), die
Notwendigkeit einer starken Armee des kapitalistischen Teil Deutschlands ergab
sich für ihn aber aus klassisch machtpolitischen Antrieben. In seiner
Sicht bestimmte die Stärke des Militärapparates entscheidend mit
über den Rang eines Landes im internationalen Machtsystem. Eine Sicht, die
sich bis zu Peter Strucks Verteidigungspolitischen Richtlinien aus dem Jahr
2003 nicht geändert hat.
US-Imperialismus braucht deutsche Hilfstruppen
Schon vor der Kapitulation der Wehrmacht, am 15. April 1945 fand im
US-Außenministerium eine Besprechung unter Teilnahme des späteren
Außenministers Dulles statt. Dort wurde beschlossen, "Deutschland
wieder aufzubauen und dann zu remilitarisieren. Deutschland sollte zu einem
'Bollwerk' gegen Rußland gemacht werden." (Albrecht: S. 12)
Für den stellvertretenden Außenminister der USA, Grews, war bereits
im Mai 1945 völlig klar: "Der kommende Krieg mit Rußland liegt
auf der Hand."
Zwar unterzeichneten auch die USA die Beschlüsse der Potsdamer
Konferenz vom 17.07. bis 2.08.1945, in denen die Siegermächte des Zweiten
Weltkrieges die vollständige Entmilitarisierung und Entnazifizierung
Deutschlands festschrieben, aber bereits ein Jahr später ließ sich
Außenminister J. F. Dulles in der New York Herald Tribune (8.8.46) mit
der Äußerung zitieren, Deutschland sei "neben der Atombombe die
größte politische Macht", die man gegen die Sowjetunion in
Stellung bringen könne.
Um diese "Geheimwaffe" scharf zu machen, stellte der
US-Generalstab mehr als 200 Spitzenmilitärs der Nazi-Wehrmacht von
Strafverfolgungen frei. Im Gegenzug mussten diese "Experten" ihre
mörderischen Erfahrungen mit den Ostfeldzügen der deutschen Wehrmacht
zu Papier bringen und den US-Militärs zur Verfügung. Diese so
genannte "Historische Division" wurde in Allenstein, Königstein,
Oberursel, Kronberg und bei München stationiert.
Hitlers Spionageneral Reinhard Gehlen wird in US-Dienste übernommen und
liefert die "Bedrohungsanalysen", die der US-Führung die
Begründungen für ihren aggressiven antisowjetischen Kurs liefern. Im
Report des Nationalen Sicherheitsrates der USA vom 30.03.48 hieß es:
"Die Niederlage der Kräfte des von den Sowjets angeführten
Weltkommunismus ist für die Sicherheit der Vereinigten Staaten von vitaler
Bedeutung. Dieses Ziel kann durch eine defensive Politik nicht erreicht werden.
Die Vereinigten Staaten sollten daher die Führung bei der Organisierung
einer weltweiten Gegenoffensive übernehmen, die darauf abzielt, unsere und
der nicht-sowjetischen Welt antikommunistischen Kräfte zu mobilisieren und
zu stärken, und die Stärke der kommunistischen Kräfte in der
sowjetischen Welt zu unterminieren."3
Wehrmachtsgenerale planen die Revanche
Auf der Seite deutscher Militärs begannen die Planungen für die
Wiederbelebung des Militarismus und eine militärische Revanche gegen die
Sowjetunion unmittelbar nach der totalen Niederlage im Mai 1945. Getreu dem
Motto, das General von Stülpnagel seinem Tagebuch schon 1943 anvertraut
hatte: "Keine Niederlage ist endgültig. Niederlagen sind nur
Lektionen, um bei der Vorbereitung für den nächsten und
größeren Angriff zu lernen."4
Ehemalige Wehrmachtsgenerale erarbeiten Pläne und Denkschriften
für eine Remilitarisierung Deutschlands, bauten Netzwerke "alter
Kameraden" auf und suchten und fanden den Kontakt zu den westlichen
Besatzungsmächten und zu Adenauer.
Johann Adolf Graf Kielmannsegg übergab den Briten schon 1945 eine
Studie zur Fortführung des Krieges gegen die Sowjetunion. Gerhard Graf von
Schwerin gehörte ebenso zu Adenauers Beratern wie Reinhard Gehlen. Im
November 1945 erhielt Adenauer die erste Denkschrift aus der Feder des Generals
Speidel.
Es ist bezeichnend, dass die offizielle Chronologie zur Geschichte der
Bundeswehr aus dem Verteidigungsministerium mit dem 4. April 1949, der
Unterzeichnung des NATO-Vertrages, beginnt (Auftrag: Frieden, CD-ROM vom Juli
2003). Die Jahre zuvor sind und bleiben weiße Flecken im offiziellen
Geschichtsbild der Bundeswehr.
"Die ersten Überlegungen und Schritte zur Vorbereitung einer
'Wiederbewaffnung' erfolgten bereits 1950/51, zu einem Zeitpunkt, als
ein derartiges Unterfangen nach Besatzungsstatut noch mit der Todesstrafe
bedroht war", schreibt der Chefredakteur der Zeitschrift "Strategie
und Technik" (2/2005), die in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und dem
Struck-Ministerium herausgegeben wird. Und wieder fehlen die entscheidenden
Jahre.
Spätestens seit 1947 tagten die Zirkel aus Nazi-Generälen und
westdeutschen Politikern, um die Wiederbewaffnung vorzubereiten. "Unter
wohlwollender Duldung der amerikanischen und britischen militärischen
Geheimdienste wurden die Treffen sogar institutionalisiert, so dass beim
Zusammentreten des Parlamentarischen Rats 1948 Politiker aller Couleur
involviert waren, unter ihnen Theodor Heuss, Carlo Schmid, Hans Ehard, Gebhard
Müller oder Eberhard Wildermuth - und natürlich Konrad
Adenauer."5
Im Dezember 1948 beauftragte Adenauer den Wehrmachtsgeneral Hans Speidel ,
eine geheime Studie über einen deutschen Beitrag zu einer
europäischen Armee zu verfassen. Im November 1949 erhielt der Kanzler den
sogenannten Manteuffel-Plan, in dem der General der Wehrmacht die Aufstellung
einer 600.000 Mann starken Stoßarmee für den Kampf gegen die
Sowjetunion vorschlug.
Als im April 1949 die NATO als antisozialistisches Paktsystem unter
US-Führung gegründet wurde, war eine (west)deutsche Armee noch nicht
dabei - die Spaltung ist noch nicht formell vollzogen, das Grundgesetzt wird
erst am 23.05.49 verkündet - aber schon im November des gleichen Jahres
wurde im US-Repräsentantenhaus offen über die Stärke eine
künftigen westdeutschen Armee debattiert und am 16.11.49 berichtet der
Bonner Korrespondenten der New York Times: "Stabsoffiziere einiger
westeuropäischer Armeen (haben) jüngst die Bedeutung diskutiert, die
die Aufstellung von auch nur fünf deutschen Divisionen für die
Verteidigung Westeuropas gegen einen möglichen Angriff von Osten her haben
könnte."6
Lieber das halbe Deutschland ganz
Als der sozialdemokratische "Verteidigungs"minister Peter Struck
im Dezember 2002 den Umbau der Bundeswehr zu einer global operierenden
Interventionsarmee in der Formel zusammenfasste, Deutschland werde künftig
auch am Hindukusch verteidigt, da erläuterte er diesen Kurs, der in
augenscheinlichem Widerspruch zum Grundgesetz steht, dahingehend, heute sei
unter Verteidigung etwas anderes zu verstehen als zu der Zeit, da das
Grundgesetz formuliert wurde.
Abgesehen von der Tatsache, dass im Grundgesetz von 1949 kein einziges Wort
von der Aufstellung deutscher Streitkräfte stand - um Verteidigung ging es
damals so wenig wie heute.
Zwar hat Adenauer maßlos die Propagandaformel von der Bedrohung aus
dem Osten strapaziert und damit nahtlos an die Goebbels-Propaganga
angeknüpft, die Gründung der Bundeswehr aber folgte einer anderen
Logik.
Ein vereinigtes Deutschland wäre unter Berücksichtigung der
internationalen Kräfteverhältnisse ein nichtpaktgebundenes, neutrales
Deutschland gewesen. Adenauer und die Kreise des Monopolkapitals, die er
vertrat, wollten aber "lieber halb Deutschland ganz" und betrieben
daher die Spaltung.
In seinen Erinnerungen hat er die Rangfolge eindeutig festgehalten:
"Drei Faktoren waren es, die meine Haltung in der Frage der
Wiederbewaffnung Deutschlands beeinflussten: 1. die Erlangung der
Souveränität als Folge der Wiederaufrüstung, 2. Sicherheit
gegenüber der Aufrüstung der Sowjetzone durch Sowjetrussland, 3. die
Herbeiführung einer europäischen
Föderation."7
Die US-Führung hatte es eilig mit der Aufstellung einer deutschen
Hilfstruppe und Adenauer beabsichtigte die Gunst der Stunde zu nutzen.
Rudolf Augstein hat das vor über vierzig Jahren so auf den Punkt
gebracht: "Die neue Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat
zu schützen, sondern der neue Staat wurde gegründet, um eine Armee
gegen die Sowjets ins Feld zu stellen - mag diese Ratio den Paten im In- und
Ausland auch nicht voll bewußt gewesen
sein."8
Im ersten internationalen Abkommen der Bundesrepublik Deutschland, am
22.11.49 auf dem Petersberg von Adenauer unterzeichnet, erklärte die
Bundesregierung noch "ihre feste Entschlossenheit, die Entmilitarisierung
des Bundesgebietes aufrechtzuerhalten und mit allen ihr zur Verfügung
stehenden Mitteln die Neubildung irgendwelcher Streitkräfte zu
verhindern."9
Gleichzeitig schlug Adenauer in einem Interview mit der US-Zeitung "The
Cleveland Plain Dealer" (3.12.49), das mit der US-Regierung abgestimmt
war, "die Schaffung einer europäischen Armee, der auch deutsche
Soldaten angehören sollten", vor.
Jeder Schweinehund wird gebraucht10
Adenauers Vorstellungen von der "soldatisch tapferen" und
"sauberen" Wehrmacht machten eine besondere Sorgfalt bei der Auswahl
des Spitzenpersonals einer neuen deutschen Armee überflüssig. Ohnehin
gab es keine "unbelasteten" Generale. Außerdem waren ja gerade
die Erfahrungen derjenigen gefragt, die den verbrecherischen Krieg gegen die
Sowjetunion geplant und kommandiert hatten.
Zu Beginn des Jahres 1950 setzte der Kanzler den Panzergeneral Gerhard Graf
Schwerin als "militärischen Berater in Sicherheitsfragen" ein.
Dessen Familie war in die Verschwörung des 20. Juli 1944 verwickelt, er
galt daher als gefeit gegen den Vorwurf, ein Nazi gewesen zu sein. Hinter den
Kulissen hielt sich Adenauer einen informellen Beraterstab von
Wehrmachtsgeneralen zu denen Heusinger, Speidel und von Manteuffel ebenso
gehörten wie Gehlen, Manstein, Friedrich Ruge, Hermann Fortsch und viele
andere.
Nach wenigen Monaten wurde das Büro Schwerin in "Zentrale für
Heimatdienst" umbenannt.
Am 10. August 1950 legten die Generale Fortsch, Heusinger und Speidel mit
Genehmigung der westlichen Besatzungsmächte ein Konzept für den
"Wiederaufbau einer deutschen Wehrmacht" vor, die als
"Kontingent im europäisch-atlantischen Verteidigungsrahmen"
geplant war. Am 17. August 1950 stimmte Adenauer gegenüber den Hohen
Kommissaren der westlichen Besatzungsmächte dem Plan für eine
Europa-Armee unter deutscher Beteiligung zu.
Anfang Oktober 1950 traf sich die alte Garde der Wehrmachtsführung im
Eifel-Kloster Himmerod. Die Bundeswehrzeitschrift "Information für
die Truppe", die sich im Untertitel "Zeitschrift für Innere
Führung" nennt, will in ihrer Ausgabe vom Oktober 2000 den Lesern
glauben machen, zu dem streng geheimen Treffen habe Adenauer "politisch
unbelastete Generalstabsoffiziere und Generale/Admirale aller drei
Wehrmachtsteile" eingeladen.
Generalleutnant Adolf Heusinger leitete in Himmerod den
"militärpolitischen Ausschuss". Im Generalstab des Heeres der
Wehrmacht war er an der Ausarbeitung der Aggressionspläne gegen die
Tschechoslowakei, Polen, Norwegen, Dänemark, die Niederlande, Belgien,
Luxemburg, Frankreich, Griechenland, Jugoslawien und andere Länder aktiv
beteiligt. Als Chef der Operationsabteilung des Heeres leitete er auch
Terrormaßnahmen gegen die Bevölkerung der besetzten Gebiete im
Rahmen der sogenannten "Bandenbekämpfung" und bei
"Vergeltungsaktionen" gegen Partisanen.
Speidel war Leiter der Spionageabteilung "Fremde Heere West" der
Wehrmacht, war unmittelbar am Überfall auf Frankreich beteiligt und als
Chef des Generalstabes beim Militärbefehlshaber in Paris und später
in Frankreich direkt verantwortlich für grausame Terrormaßnahmen
gegen die französische Zivilbevölkerung und die Deportation
französischer Juden.
Von Kielmannsegg nahm als Generalstabsoffizier am Überfall auf Polen,
auf Frankreich und die Sowjetunion teil. Seine schriftlichen Machwerke starren
vor Rassenwahn und Herrenmenschenideologie.
Das Ergebnis war entsprechend. Graf von Baudissin berichtet: "In
Himmerod bestanden eigentlich kaum Zweifel, dass wir so weiter strategisch und
operativ und damit eigentlich auch in der Struktur und Bewaffnung der
zukünftigen Streitkräfte auf dem alten Pfad weitergehen
sollten." Die Vorgabe lautete: "Krieg führen à la
sowjetische Steppe." Die Denkschrift forderte die "Verteidigung"
von "vornherein offensiv" anzulegen und propagierte
Interventionseinsätze im Hinterland des Gegners mit
Atombomben.11
Als Preis für ihre Dienste forderte die alte Wehrmachtselite in
Himmerod eine "Ehrenerklärung für den deutschen Soldaten von
Seiten der Bundesregierung und der Volksvertretung" sowie die
"Freilassung der als 'Kriegsverbrecher' verurteilten
Deutschen" und die "Einstellung jeder Diffamierung des deutschen
Soldaten (einschließlich der im Rahmen der Wehrmacht seinerzeit
eingesetzten Waffen-SS) und Maßnahmen zur Umstellung der
öffentlichen Meinung im In- und
Ausland."12
Und der Preis wurde gezahlt. 1951 gab Eisenhower als Oberbefehlshaber der
NATO eine Ehrenerklärung für die Wehrmachtssoldaten ab und am
3.12.1953 hielt Adenauer im Bundestag eine Rede, in der es hieß:
"Ich möchte heute (...) im Namen der Regierung erklären, dass
wir alle Waffenträger unseres Volkes, die im Rahmen der hohen soldatischen
Überlieferung ehrenhaft zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft
gekämpft haben, anerkennen. Wir sind überzeugt, dass der gute Ruf und
die Leistung des deutschen Soldaten, trotz aller Schmähungen während
der vergangenen Jahre, in unserem Volk noch lebendig sind und auch bleiben
werden. Es muss unsere Aufgabe sein - und ich bin sicher, wir werden sie
lösen - die sittlichen Werte des deutschen Soldatentums mit der Demokratie
zu verschmelzen."
Die besondere Rechtslastigkeit in Teilen der Bundeswehrführung geht auf
den Ursprung der Truppe zurück. Die "Traditionalisten"
verstanden es, ihre Machtpositionen auch gegen zaghafte Reformversuche
über die Jahrzehnte zu verteidigen. Die zahllosen Skandale, die die
Öffentlichkeit immer wieder beunruhigten, sind daher nichts anderes als
die Spitze eines reaktionären militaristischen Eisberges.
Strucks "Armee im Einsatz"
"Die Bundeswehr tritt 2004 endgültig aus dem Schatten von
Stalingrad und des Kalten Krieges, der lange über ihr lag", schreibt
Christian Millotat in seinem "Plädoyer für die neue
Bundeswehr" in der Zeitschrift "Europäische Sicherheit"
(4/2004). "Der durch den Schatten von Stalingrad entstandene
Selbstinterpretations- und Bezugsrahmen bewirkte auch, dass manche Politiker
und Meinungsträger einer Ausbildung der Soldaten zu einer möglichst
hohen Gefechtstüchtigkeit nicht die erste Priorität einräumen
wollten." Für ihn ist die Bundeswehr-Parole aus der Zeit vor 1990
"Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen"
schlicht "töricht und diskriminierend". Er will Schluss machen
mit einer Armee, in deren Offizierskorps "Weinerlichkeit verbreitet"
sei.
Millotat trat schon zu Zeiten von Kohls "geistig-moralischer"
konservativer Wende mit der Verherrlichung des "Kämpfers" und
der Propagierung einer militärischen "asketischen Elite" hervor.
Mit Strucks "Armee im Einsatz" sieht er die Bundeswehr nun auf dem
richtigen, dem rechten Weg.
Mit dem Umbau der Bundeswehr zur Interventionsarmee tritt der
"Kämpferkult" und mit ihm die reaktionärsten
militaristischen Positionen einer traditionalistischen Gruppe in der
Führung der Bundeswehr wieder offen hervor. Heeresinspekteur Gerd Gudera,
den Struck dafür lobte, dass die Bundeswehr in Afghanistan so erfolgreich
sei, nutzte seine Verabschiedung in den Ruhstand zu einem "politischen
Paukenschlag" ("Die Welt", 5.3.04), in dem er erklärte,
"nirgendwo außerhalb Deutschlands werden Soldaten in ähnlicher
Art und Weise verunglimpft und in ihrer Ehre beschnitten". Sein
Nachfolger, Hans-Otto Budde, war Kommandeur der Deutsch-Französischen
Brigade, der Kerntruppe der EU-Interventionsarmee und der Division Spezielle
Operationen der Bundeswehr. Laut Budde braucht die Bundeswehr wieder den
"archaischen Kämpfer und den, der den High-Tech-Krieg führen
kann" ("Welt am Sonntag", 29.02.04).
Wie stark die Positionen der "Traditionalisten" in der Bundeswehr
nach wie vor sind, bzw. wie schizophren die offizielle Haltung zur Wehrmacht
auch im Jubeljahr 2005 noch ist, zeigt ein Artikel im Bundeswehrmagazin
"Y" vom März 2005, der den Lesern politische Orientierung zur
Bundeswehrgeschichte geben soll.
"Konnten aber Wehrmachtssoldaten Streitkräften in der Demokratie
auf den Weg helfen, ohne auf das bisherige soldatische Fundament
aufzubauen", fragt der Autor eines orientierenden Artikels zur
Bundeswehrgeschichte im Bundeswehrmagazin "Y" vom März 2005.
"Das erwartet gewiss niemand ernsthaft."
Für ihn reduziert sich das Problem auf "Wehrmachtsveteranen",
die "emotional nachvollziehbar", sich den Wunsch nach einer
"soldatischen Heimat" bewahrt haben. "Dann mag es noch einige
junge Soldatinnen und Soldaten geben, die in der Wehrmacht nach Vorbildern
für ihre eigene Bewährung im Einsatz suchen, ohne sich einer etwaigen
Tradition bewusst zu sein." Und vor allem: "Eine dritte Gruppe findet
sich in Teilen der Medien. Vor dem Hintergrund veralteter Bilder konstruieren
sie Kontinuitäten, die aber letztlich nur als Hebel gegen die Bundeswehr
dienen sollen.
Es waren aber keine vergreisten Veteranen und keine orientierungslosen
Wehrpflichtigen, sondern das Heeresamt der Bundeswehr , das 1997 eine
Publikation förderte, in der "Geist und Haltung" der
SS-Leibstandarte Adolf Hitler gelobt und ihr Kommandeur als "vorbildlicher
Offizier" gefeiert wurde.
Und es war die Leitung der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg,
die im Januar 1995 den wegen Tötung von Ausländern vorbestraften
Naziterroristen Manfred Roeder einlädt und zum Thema "Die
Übersiedlung der Rußland-Deutschen in den Raum Königsberg"
referieren lässt.
Und es war der Chef des Kommandos Spezialkräfte, der Elitetruppe von
Strucks Einsatzarmee, General Reinhard Günzel, der Ende 2003 aus seinen
antisemitischen Ressentiments kein Hehl machte und seinen Posten räumen
musste.
Die Bundeswehr, so erklärt der Autor des "Y"-Artikels zur
Tradition der Bundeswehr, hat heute ein ganz anderes Verständnis von der
Wehrmacht als 1955. Die Bundeswehr, so erfahren wir, steht nicht in der
Tradition der Wehrmacht. Aber der Autor ist ganz besoffen von der Wehrmacht.
Für ihn bleibt es "faszinierend, mit welch geringen Kräften,
unzulänglichen Mitteln und persönlicher Tapferkeit die
Wehrmachtssoldaten einem vielfach überlegenen Gegner so lange
standhielten."
"Die Bundeswehr entstand 1955 als eine neue Armee, für die die
Wehrmacht nicht traditionsstiftend sein sollte und auch nicht war. Zu
konstatieren, die Bundeswehr des Jahres 2005 sei eine völlig andere
Streitmacht als die Wehrmacht, heißt jedoch nicht, den Stab über
alles zu brechen, was mit der Wehrmacht zu tun hat."
"Jenseits einer Schuld- und Traditionsdebatte" muss "die
Frage nach der militärischen Leistungsfähigkeit erlaubt sein."
Die Wehrmacht verkörpert "besser als jede moderne Streitkraft die
Verbindung von Initiative und Disziplin." "Auch taktisch und operativ
setzte die Wehrmmacht zu ihrer Zeit höchste Maßstäbe."
Das ist die Einstimmung der Truppe auf 50 Jahre Bundeswehr unter dem Motto
"Entschieden für Frieden".
Der "Deutsche Weg"
Schröders "Deutscher Weg", zu dem eine Bundeswehr
gehört, die zu militärischen Interventionen rund um den Globus
befähigt wird, setzt auf die Militarisierung der Europäischen Union
und den kalkulierten Konflikt mit den USA.
Das führt zu Berührungspunkten mit Kräften, die
"sozialdemokratischer Umtriebe" nicht verdächtig sind. Im
November 2004 gab Egon Bahr dem rechten Intellektuellen-Blatt "Junge
Freiheit" ein Interview unter dem Titel "Wir müssen lernen,
wieder eine normale Nation zu sein". "Wenn wir nur eine
Wirtschaftsgemeinschaft bleiben", so Bahr mit Blick auf die EU,
"werden wir politisch immer durch die USA manipulierbar sein. Wenn wir bei
dem beschlossenen Ziel einer politisch selbstbestimmten Gemeinschaft bleiben,
muss Europa Streitkräfte aufstellen, die auch selbstbestimmt eingesetzt
werden können."
Deutsche Interessen werden - mal im europäischen, mal im nationalen
Gewand - immer offener formuliert. Die führende Strategie-Zeitschrift
"Europäische Sicherheit" spricht sich in ihrer Ausgabe vom
Oktober 2004 dafür aus, dass im angekündigten
Bundeswehr-Weißbuch bei der Formulierung deutscher Interessen "Tabus
fallen". Es sei klar, "dass Deutschland seine Interessen nicht
alleine durchsetzen kann. Daraus zu folgern, dass deutsche Interessen immer
europäische Interessen sind, ist aber falsch." Deutsche Interessen
seien - "und zwar an prominenter Stelle - Wirtschaftsinteressen (...) So
ist es deutsches Interesse, den Zugang zu Rohstoffen zu sichern. Es liegt im
deutschen Interesse, dafür zu sorgen, dass diese Rohstoffe in unser Land
kommen."
Für Adenauer war die Einordnung der Bundeswehr in ein Paktsystem unter
US-Dominanz bei den gegebenen Kräfteverhältnissen nach dem Zweiten
Weltkrieg unumgänglich. Dabei verlor er eigene Ziele des deutschen
Imperialismus nie aus dem Auge.
Franz-Josef Strauß setzte auf ein unabhängiges Europa, das in
"Arbeitsteilung" mit den USA operiert, "die volle Beteiligung am
amerikanischen know how" erhält und "zum anderen Pfeiler der
NATO" wird, die "reformiert und reorganisiert werden
muss".13
Für ihn stand schon die Frage, ob Europa "sich in der modernen
Welt von morgen als eine Größe sui generis überhaupt noch
behaupten kann oder ob es sozusagen ein 'Satellit' der Vereinigten
Staaten wird (...) Will man - was zweifellos nötig ist - eine Strategie
der 'Kriegskunst im Frieden' entwickeln, so kann man das nur, wenn man
genügend Macht hat. Wo sie dem einzelnen Staat fehlt, muss er sie im
Verein mit anderen zu erlangen trachten, mit Ländern, deren strategische
Interessen mit den seinen weitgehend solidarisch sind. Daraus schon ergibt sich
die Forderung nach einer politischen Vereinigung Europas, da man von Amerika
nur bedingt erwarten darf, dass es seine Konzeption völlig an den
europäischen Bedürfnissen ausrichtet, die mit den amerikanischen nur
zum Teil identisch sein können." (ebenda)
In den von Volker Rühe am 26.11.1992 erlassenen
"Verteidigungspolitischen Richtlinien" wurde unter der
Überschrift "Deutsche Wertvorstellungen und Interessen"
formuliert: "Trotz prinzipieller Übereinstimmung werden sich die
deutschen Interessen nicht in jedem Einzelfall mit den Interessen der
Verbündeten und anderer Partner decken. Die nationale Interessenlage ist
daher auch Ausgangspunkt der Sicherheitspolitik eines souveränen Staates.
Sie ist Maßstab für die Beurteilung der Risiken und der
Handlungserfordernisse zur Wahrnehmung der Chancen künftiger
Entwicklungen."
Im Juni 2003 forderte Außenminister Fischer die NATO "neu zu
erfinden" und verlangte von den USA endlich "die Bildung einer
europäischen Gruppe" in der NATO zuzulassen. Auf dieser Linie liegt
Schröders Abgesang auf die NATO, die er von seinem
"Verteidigungs"minister auf dem Münchner Kriegstreibergipfel im
Februar 2005 verlesen ließ.
Wohin führt dieser "Deutsche Weg"?
Offenbar zu einem entsprechenden Konzept "zeitgemäßer
Sicherheits- und Verteidigungspolitik", in dem Einsätze der
Bundeswehr "weder hinsichtlich ihrer Intensität noch
geografisch" einzugrenzen sind, wie es in Strucks Verteidigungspolitischen
Richtlinien heißt.
Folgerichtig hat er am 25. Januar 2005 den Erlass seines Amtsvorgängers
Helmut Schmidt aus dem Jahr 1970 (Blankeneser Erlass) aufgehoben und die
Machtstellung des Generalinspekteurs als ranghöchstem Soldaten der
Bundeswehr und der Inspekteure der Teilstreitkräfte demonstrativ
gestärkt.
Arno Neuber
| Anmerkungen |
| 1 | Zitiert nach Matthias Münch: Bundeswehr
- Gefahr für die Demokratie? Köln, 1983. |
| 2 | Rheinische Post vom 30.12.46, hier zitiert
nach: Fritz Vilmar, Rüstung und Abrüstung im Spätkapitalismus.
Hamburg, 1973.
Am 24.06.51 klang es bei Adenauer schon ganz anders: "Wer die
Neutralität und Demilitarisierung in Deutschland hier bei uns will, ist
entweder ein Dummkopf allerersten Ranges oder ein Verräter". |
| 3 | Ulrich Albrecht: Die Wiederaufrüstung
der Bundesrepublik. Köln, 1980. |
| 4 | Der deutsche Imperialismus und der zweite
Weltkrieg, Band 3. Berlin, 1962. |
| 5 | Detlef Bald: Die Bundeswehr. Eine kritische
Geschichte 1955-2005. München, 2005. |
| 6 | Ulrich Albrecht a.a.O. |
| 7 | Konrad Adenauer: Erinnerungen 1945-53.
Stuttgart, 1965. |
| 8 | Rudolf Augstein: Waffen statt Politik, in:
Bilanz der Bundesrepublik, Magnum-Sonderheft. Köln, 1961, hier zitiert nach:
Ulrich Albrecht, Die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik, Köln, 1980. |
| 9 | Detlef Bald a.a.O. |
| 10 | H. Resitzke, ehem. Leiter der
Geheimoperationen der CIA: "Wir wussten was wir taten (...) Es war
unbedingt notwendig, dass wir jeden Schweinehund verwendeten; Hauptsache er war
Antikommunist."
Zitiert in: Lorenz Knorr: Rechtsextremismus in der Bundeswehr. Frankfurt a. M.,
1998. |
| 11 | Detlef Bald a.a.O. |
| 12 | Ulrich Sander: Szenen einer Nähe.
Bonn, 1998. |
| 13 | F.J. Strauß: Ein Programm für
Europa. Stuttgart, 1968. |
|