Erwin Eckert
1893 - 1972
war Vorsitzender des "Bundes der religiösen Sozialisten
Deutschlands" und ab 1927 Stadtpfarrer an der Trinitatiskirche in Mannheim.
1928 beteiligte er sich am KPD-Volksbegehren gegen Panzerkreuzerbau und
Kriegsgefahr.
1931 erhält er von der badischen (evangelischen) Kirchenleitung wegen
seines antifaschistischen Engagements zunächst Rede- und Versammlungsverbot
und wird dann aus dem Pfarramt und dem Kirchendienst entlassen.
Nach dem Ausschluss aus der SPD tritt Eckert am 3.10.1931 in die KPD ein.
Von den Faschisten wird er wiederholt verhaftet und unter Polizeiaufsicht
gestellt.
Nach der Befreiung von Faschismus und Krieg wird er Vorsitzender der KP
Badens, Staatsrat der provisorischen Regierung Südbadens und
Entnazifizierungskommissar.
Im Juli 1949 ist er Oberbürgermeisterkandidat der KPD in Mannheim.
Hilde Wagner
"Wir machen den Christen den Himmel nicht streitig"
Es war im Frühsommer 1949. In Mannheim standen
Oberbürgermeisterwahlen vor der Tür. Die KPD hatte der SPD einen
gemeinsamen OB-Kandidaten gegen die CDU vorgeschlagen und ihre Bereitschaft
signalisiert, bei der Wahl einen linken Sozialdemokraten zu
unterstützen. Die SPD aber entschied sich für einen gemeinsamen
Kandidaten mit der CDU. Daraufhin nominierte die KPD Erwin Eckert als
ihren OB-Kandidaten. Der KPD-Kreisvorstand setzte zur Organisierung des
Wahlkampfes eine Wahlkommission ein, der auch ich angehörte. Ich war eine
junge Genossin und wurde in der Kommission für organisationstechnische
Aufgaben eingeteilt, was mir überhaupt nicht behagte. Viel lieber
hätte ich eine politische Aufgabe übernommen, denn ich war
diskussionsfreudig und ständig auf der Suche nach neuen, guten Argumenten
zur Darlegung meiner kommunistischen Überzeugung. Dies brachte ich in der
Kommission auch zum Ausdruck. Erwin, den ich schon seit 1946 kannte (er hatte
gelegentlich in meinem Elternhaus übernachtet, wenn er in meiner
Heimatstadt Karlsruhe in Versammlungen auftrat), lächelte mir
aufmunternd zu. "Organisationsarbeit muss sein, Mädchen, aber
ich verspreche Dir, dass Deine politische Weiterentwicklung nicht zu kurz
kommen wird. Ich werde dafür sorgen, dass Du nicht hinter Deiner
Schreibmaschine versauerst" versicherte er mir. Und er hielt Wort.
Während des ganzen Wahlkampfes nahm mich Erwin unter seine Fittiche: Wir
verfassten gemeinsam Flugblätter, knobelten zusammen
Agitationslosungen aus, und er nahm mich mit zu Hausbesuchen,
Diskussionsabenden und Versammlungen.
Erwin konnte Menschenmassen zu Begeisterungsstürmen
hinreißen. Er war ein Mensch, der mit einfachen Worten
ausdrücken konnte, was die Leute bewegte. Man spürte bei jedem
seiner Worte, dass sie kein leeres Gerede waren, sondern dass der ganze Mensch
dahinter stand. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. Alle seine Versammlungen
haben mich sehr beeindruckt, aber eine Diskussionsrunde mit Christen hat sich
mir besonders eingeprägt, und ich kann mich bis auf den heutigen Tag gut
daran erinnern.
*
Die Zusammenkunft mit den Christen hatte eine Vorgeschichte:
Kurz vor dem Wahltermin war im Parteibüro ein Mann aufgetaucht, der den
"Herrn Stadtpfarrer Eckert" sprechen wollte. Da Erwin gerade nicht da
war, musste der Mann mit mir Vorlieb nehmen. Er sagte mir, dass er ein
Gemeindemitglied aus Erwins ehemaliger Pfarrei sei. Erwin habe ihn seinerzeit
getraut und seine Kinder getauft. Er und seine ganze Familie hätten den
Herrn Stadtpfarrer sehr verehrt und zu ihm aufgeschaut. Ich könne mir
nicht vorstellen, wie enttäuscht sie gewesen seien, als Pfarrer Eckert
1931 in die KPD eingetreten sei und deswegen sein Amt als Pfarrer verloren
hätte. Ihm und seiner Familie sei das damals wie ein Verrat
vorgekommen. Seine Frau hätte nächtelang "wie ein
Schlosshund geflennt" und dafür gebetet, dass der Herrgott dem
Pfarrer ein Einsehen gäbe und ihn auf den rechten Weg
zurückführe. Ohne Erfolg, wie ich wisse. Während der Nazizeit
hätten sie dann erfahren, dass Pfarrer Eckert wegen seiner kommunistischen
Gesinnung ins Gefängnis und ins Zuchthaus geworfen worden sei. Damals
hätten sie erneut für ihn gebetet.
Heute würden er und seine Frau Erwins Weg vom Pfarrer zum Kommunisten
unterschiedlich beurteilen. Er meine, dass der Verlauf des Krieges und der
Untergang des "Nationalsozialismus" den Kommunisten recht
gegeben hätte mit der Warnung auf ihrem Plakat: "Wer Hindenburg
wählt, wählt Hitler, und wer Hitler wählt, wählt den
Krieg", über das Erwin Eckert seinerzeit ganz begeistert gewesen sei.
Er meine auch, dass die Kommunisten viel konsequenter gegen Hitler und den
Krieg gekämpft hätten als die Kirche und dass die
antifaschistische, soziale und humanistische Grundhaltung des Pfarrers
Eckert diesen fast mit logischer Konsequenz zu den Kommunisten gebracht
hätte. Seine Frau dagegen betrachte Erwin Eckert immer noch als
Abtrünnigen und Verlorenen.
Kurz und gut, er wolle Erwin bei der OB-Wahl seine Stimme geben, seine Frau
aber sträube sich dagegen und sie hätten deswegen seit Tagen Streit
miteinander. Jetzt hätte er sich dazu aufgerafft, Pfarrer Eckert
aufzusuchen und mit ihm über seinen Konflikt zu diskutieren. Ich
versprach dem Mann, dass sich Erwin ganz bestimmt mit ihm in Verbindung setzen
werde.
Als ich Erwin von dem Besucher erzählte und dessen Name nannte, konnte
er sich auf Anhieb an das Ehepaar erinnern. Sofort machte er sich auf den Weg
in den Jungbusch, wo die Leute wohnten. Bei seiner Rückkehr sagte er mir,
dass wir nächste Woche in eine "Stubenversammlung" mit Christen
gehen würden. Das war typisch für Erwin. Er war es gewohnt, in
großen Versammlungen aufzutreten und vor Massen zu sprechen, aber eine
kleine "Stubenversammlung" oder ein persönliches Gespräch
waren ihm genau so wichtig.
*
Als wir zum verabredeten Zeitpunkt im Jungbusch eintrafen,
begrüßte uns der Mann freundlich mit einem herzlichen
Händedruck. Die übrigen Anwesenden (es waren etwa acht Männer
und Frauen) ließen uns deutlich ihre Antipathie spüren. Sie
verhielten sich sehr zurückhaltend und förmlich, die Frau unseres
Gastgebers fast abweisend. Man sah ihr an, dass sie Erwin für einen
Abtrünnigen und Renegaten hielt, der wie weiland Dr. Faustus Mephisto
seine Seele verkauft hatte.
Erwin dagegen war zu allen freundlich und herzlich. Er strahlte sehr viel
Wärme aus. Er packte, kaum dass er Platz genommen hatte, den Stier bei den
Hörnern. Bevor er danach gefragt werden konnte, sprach er von sich aus die
in den Köpfen herumspukenden Probleme an.
Die Kirche und Gott seien nicht dasselbe, sagte er. Gegen Gott habe er keine
Einwände, sondern gegen die Kirchenfürsten, die
"Pharisäer". Er habe schon lange vor seiner Amtsenthebung, als
er noch Pfarrer war, Einwände gegen die Politik der Kirchenoberen gehabt.
Eigentlich seien ihm schon während des ersten Weltkrieges Zweifel
gekommen, als Kriegsfreiwilliger im Schützengraben, als junge Deutsche auf
junge Franzosen schießen mussten und umgekehrt. Es seien zwar der
Kaiser und die Generale gewesen, die das befohlen hatten, aber die
mächtige Kirche habe dazu geschwiegen. Andererseits sei da das Wort
des Täufers Johannes gewesen: "Ein neues Gebot gebe ich Euch,
dass Ihr einander liebet, wie ich Euch geliebt habe." Schon damals habe er
auf der Seite des Johannes und nicht auf der Seite der Kirche gestanden, die
den Hass duldete und das Gebot des Johannes ignorierte.
Und später, nach dem Krieg, sagte Erwin, bei den Diskussionen über
die "Fürstenabfindungen", stand die Kirche auf der Seite des
Adels, der durch seine Kriegs- und Eroberungspolitik so viel Unglück
über unser Volk gebracht hatte. Das Privateigentum sei heilig, habe man
ihm gesagt und ihn gerügt, weil er die Linken unterstützte, die
für die Enteignung der Fürsten eintraten und den armen Bauern deren
Ländereien geben wollten. Weil er keinen Hehl aus seiner Haltung zur
"Fürstenabfindung" gemacht habe und nicht still gewesen
sei, habe ihm die Kirchenleitung wieder einmal eine Rüge erteilt. Da seien
seine Zweifel gewachsen.
1931 habe er sich dann endgültig entschlossen, in die KPD einzutreten,
als ihm die Kirchenleitung ein Versammlungs- und Redeverbot gegen den
aufkommenden Faschismus erteilen wollte. Zu der Frau gewandt sagte er:
"Sie wissen selbst, dass ich nicht freiwillig von der Kanzel abgetreten
bin, sondern dass die Kirche ein Dienststrafverfahren gegen mich einleitete,
weil ich in Wort und Tat gegen die Nazis war". Damals habe er
festgestellt, dass die KPD im Gegensatz zur Kirche ganz konsequent gegen den
Faschismus kämpfte. Weil er das alles gesehen habe, hätte er sich
für die KPD entschieden, obwohl ihm bewusst gewesen sei, wie die
Kirchenleitung darauf reagieren werde. So schwer sein Weg auch war, er habe es
nie bereut und er wisse, dass er seit 1931 auf der richtigen Seite gestanden
habe.
Während Erwins Ausführungen hatte sich die Atmosphäre
etwas gelockert und entspannt, die Mienen der Anwesenden waren nicht mehr so
abweisend, und nach einer kurzen Pause stellte die Frau unseres Gastgebers
Erwin eine Frage:
"Herr Pfarrer", (sie redete ihn immer noch mit seinem alten Titel
an), "glauben Sie an Gott?"
Erwin antwortete:
"Ja, das tue ich, und niemand kann mir meinen Gottesglauben
nehmen."
"Ich kann mir nicht vorstellen, wie man an Gott glauben und
gleichzeitig Kommunist sein kann", antwortete zweifelnd die Frau.
Erwin ergriff ihre Hand:
"Mein Glaube an Gott hat mir in all den schweren Jahren des Faschismus
Halt gegeben, ohne ihn hätte ich das alles nicht durch gestanden. Auch
meiner Partei gegenüber habe ich niemals einen Hehl daraus gemacht, dass
ich mich zu ihrer materialistischen Weltanschauung nicht bekennen kann,
aber ihre Politik voll unterstütze. Die KPD akzeptiert das und
hält mich trotzdem für einen guten Kommunisten, sonst hätte sie
mich ja nicht als ihren Oberbürgermeisterkandidaten nominiert. Ich bin
trotz meiner christlichen Weltanschauung Sozialist und Kommunist geworden, weil
ich politisch und aus meiner sozialen Gesinnung heraus bedingungslos zu dem
stehe, was die KPD fordert und wofür sie kämpft. Ihr wisst so gut wie
ich, wie die Lage während der Zeit der Weimarer Republik im Jungbusch war:
Hunger, Elend, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit. Aber nicht die
Kirchenfürsten, sondern die KPD hat als einzige die Enteignung
der großen Betriebe und damit die Abschaffung der Profitwirtschaft und der
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gefordert. Dem habe ich zugestimmt
und beim Nachdenken darüber, wie man das erreichen kann, bin ich drauf
gekommen, dass man dazu eine Organisation und eine soziale Kraft braucht. Und
diese Kraft sind die Arbeiter, wie schon Karl Marx richtig festgestellt hat.
Aber die einzige Partei, die sich ganz konsequent auf die Arbeiter orientiert,
ist die KPD und nicht die Kirche, auch nicht die SPD, der ich früher einmal
angehört habe und die mich ausgeschlossen hat, weil sie mir nicht verzeihen
konnte, dass ich am KPD-Volksbegehren gegen den Panzerkreuzerbau und gegen die
aufkommende Kriegsgefahr teilgenommen habe."
Nach diesen Worten war die Stimmung noch gelöster geworden. Es folgten
eine bis zwei Stunden des gegenseitigen Erzählens und Berichtens über
die Verhältnisse jedes/jeder Einzelnen, über ihre Sorgen, Hoffnungen,
über ihre Kinder und Enkelkinder und so fort. Ganz zuletzt sprach Erwin
über seine Kandidatur und über sein Wahlprogramm zur OB-Wahl.
*
Es war schon spät, als wir uns verabschiedeten. Der schönste
Augenblick für Erwin waren die Abschiedsworte der Hausfrau, wie er mir auf
dem Heimweg erzählte.
Sie hatte Erwin eingestanden, dass er sie davon überzeugt habe, dass
das, was die Kommunisten wollten, gut sei, um aber im gleichen Augenblick
einschränkend und relativierend zu betonen, das Christentum jedoch sei
ungleich besser. Auf Erwins Bitte, ihm das näher zu erklären, hatte
die Frau geantwortet, dass die Kommunisten zwar paradiesische Träume
hätten, aber nur für das kurze Erdendasein der Menschen. Das
Christentum dagegen verkündige das Paradies für alle Ewigkeit und
diese sei unendlich.
Erwin hatte schmunzelnd erwidert, dass es seiner Meinung nach keine bessere
Basis der Gemeinsamkeit von Christen und Kommunisten geben könne. Die
Kommunisten wollten den Christen den Himmel nicht streitig machen. Sie
führten keinen Religionskrieg, das sei vorbei, sei quasi eine
Kinderkrankheit des Kommunismus gewesen. Da wäre es doch nur fair, wenn
die Christen den Kommunisten bei der Verwirklichung ihrer Ideale auf der Erde
keine Hindernisse in den Weg legen, oder noch besser sie in ihrem Kampf
für ein friedliches, demokratisches, antifaschistisches Deutschland
unterstützen würden.
*
Mich hatte der Abend nachdenklich gemacht. Denn mich fasziniert bis zum
heutigen Tag die materialistische Dialektik, und ich wusste, dass ich den
Christen gegenüber nicht so hätte auftreten können, wie Erwin
das aus seiner philosophischen idealistischen Grundhaltung heraus guten
Gewissens tun konnte. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass alle in der
"Stubenversammlung" Anwesenden Erwin ihre Stimme geben
würden.
Eine Woche danach fand die OB-Wahl statt. Der Kommunist Erwin Eckert erhielt
knapp 35 Prozent aller Mannheimer Stimmen. Das war gegen den gemeinsamen
Kandidaten der CDU, SPD und FDP eine enorme Leistung.
Quelle: Erwin Eckert - Pfarrer und Kommunist.
Zeitzeugen erinnern sich.
Herausgegeben vom Mannheimer Gesprächskreis
Geschichte und Politik e.V., 1993.
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6.5.2006
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