Georg Lechleiter
Georg Lechleiter, am 14. April 1885 in Appenweier/Baden geboren,
Schriftsetzer von Beruf, war bis zur Machtübergabe an die NSDAP
Vorsitzender der kommunistischen Fraktion im Badischen Landtag und Mitarbeiter
der "Mannheimer Arbeiter-Zeitung".
1933 wurde er verhaftet und 1935 als Erdarbeiter zum "Westwall"
abkommandiert. Erst 1937 konnte er wieder als Schriftsetzer arbeiten. Sofort
begann er mit dem Aufbau einer antifaschistischen Widerstandsorganisation, die
hauptsächlich in den Mannheimer Großbetrieben tätig war.
Im Frühjahr 1940 wurde aus Kommunisten und Sozialdemokraten eine
Redaktion und ein Verteilerapparat zur Herausgabe einer antifaschistischen
Zeitung gebildet. Die Publikation des "Vorboten" führte Anfang
1942 durch Verrat eines Spitzels zur Verhaftung von Lechleiter und seiner
Freunde. In der Zeitung hatten sie u.a. geschrieben: "Hitler hat den
Krieg begonnen, Hitlers Sturz wird ihn beenden."
Von 32 Verhafteten hatten drei schon die Foltern der Voruntersuchungen nicht
überlebt, 19 wurden hingerichtet, die weiteren erhielten unterschiedliche
Haftstrafen.
Georg Lechleiter wurde zum Tode verurteilt und am 15. September 1942 in
Stuttgart enthauptet. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: "Das
höchste Ziel eines Menschen besteht darin, für andere zu leben,
für andere sich aufzuopfern."
Quellen:
- Der deutsche antifaschistische Widerstand 1933-1945 in Bildern und
Dokumenten. Frankfurt/M. 1975
- Fritz Salm: Im Schatten des Henkers. Vom Arbeiterwiderstand in Mannheim.
Frankfurt/M. 1973.
Der Vorbote
Flugblatt vom 7. November 1941

Der Vorbote
Informations- und Kampforgan gegen den Hitlerfaschismus.
Herausgeber: K.P. Sonderausgabe zum 7. November 1941
Hymnus
Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme.
Ich habe euch erleuchtet in der Dunkelheit,
und als die Schlacht begann,
focht ich voran, in der ersten Reihe.
Rund um mich her liegen die Leichen meiner Freunde,
aber wir haben gesiegt.
Wir haben gesiegt, aber rund umher
liegen die Leichen meiner Freunde.
In die jauchzenden Triumphgesänge
tönen die Choräle der Totenfeier.
Wir haben aber weder Zeit zur Freude noch zur Trauer.
Aufs neue erklingen die Drommeten,
es gilt neuen Kampf.
Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme.
Heinrich Heine
Zum Jahrestag der Russischen Revolution
Am 7. November war der 24. Jahrestag der russischen Revolution. Am 7.
November 1917 erhob sich unter Führung der bolschewistischen Partei, mir
dem grossen Lenin an der Spitze, das russische Volk zu seiner
weltgeschichtlichen Tat. Auf einem Siebentel der Weltoberfläche wurde die
Macht des Kapitals über die Arbeit vernichtet. Ein 180-Millionen-Volk
hatte die Fesseln der Lohnsklaverei gebrochen. In einem Riesenreich wurden die
Voraussetzungen geschaffen zum Aufbau einer neuen Weltordnung auf
sozialistischer Grundlage.
Ein schwerer Kampf war es, den das russische Volk vor 24 Jahren wagte, aber
die Arbeiter, Soldaten und Bauern haben gesiegt. Zahllos war ihrer Feinde
Schar, aber sie nahmen den gigantischen Kampf mutig und opferbereit auf und
haben gesiegt. Das russische Volk kämpfte für den Frieden, für
Freiheit und Brot. "Alle Macht den Sowjets" tönte der
Schlachtruf durch das Land.
Vier Jahre musste sich das russische Volk wehren, gegen seine Bedränger
zur Wehr setzen. Die Armeen waren tief in das Land eingedrungen, und um dem
Friedenswillen des russischen Volkes gerecht zu werden, unterzeichnete die
Sowjetregierung in Brest-Litowsk das schmachvolle Diktat des deutschen
Imperialismus, das aber durch die ...
Bekanntmachung des "Volksgerichtshofs"
über die Hinrichtung Georg Lechleiters und weiterer
Widerstandskämpfer.

Bekanntmachung
Der 57jährige Georg Lechleiter, der 42jährige Jakob
Faulhaber, der 47jährige Rudolf Langendorf, der 43jährige
Ludwig Moldrzyk, der 38jährige Anton Kurz, der
39jährige Eugen Sigrist, der 75jährige Philipp
Brunnemer, der 40jährige Max Winterhalter, der 46jährige
Robert Schmoll, der 40jährige Rudolf Maus und der
55jährige Daniel Seizinger, alle aus Mannheim, ferner die
48jährige Käthe Seitz geb. Brunnemer und der 39jährige
Alfred Seitz aus Heidelberg, sowie der 42jährige Johann
Kupka aus Ilvesheim, die der Volksgerichtshof am 15. Mai 1942 wegen
Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung, Zersetzung der Wehrkraft
und Verbreitung ausländischer Rundfunksendungen zum Tode und zum dauernden
Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt hat, sind heute
hingerichtet worden.
Berlin, den 15. September 1942
Der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof
Redebeitrag
zur Gedenkkundgebung an den Widerstand der Lechleitergruppe im Nationalsozialismus
15. September 2005
Verehrte Anwesende,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Genossinnen und Genossen!
Wir haben uns heute hier versammelt, um Georg Lechleiter und seiner
Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gedenken. Für junge Antifaschistinnen
und Antifaschisten wie uns ist das Beispiel ihres Kampfes gegen den
alltäglichen Terror des Nationalsozialismus leuchtendes Vorbild. So schwer
für uns die Gefahren vorstellbar sind, die sie auf sich nahmen, so sehr
beeindruckt uns ihr Mut und die Konsequenz, mit der sie ihren
Überzeugungen folgten.
In den letzten Jahren sind Oberst Graf von Stauffenberg und seine
Mitverschwörer im Rahmen des herrschenden Geschichtsdiskurses zu den
zentralen Identifikationsfiguren des Widerstandes gegen den Deutschen
Faschismus aufgebaut worden. Ihr viel gerühmter Bombenanschlag vom 20.
Juli 1944 ist einer der zentralen positiven Bezüge im Selbst- und
Geschichtsbild der so genannten "Berliner Republik" geworden. Dass es
sich bei den Attentätern um eine elitäre Offiziersclique handelte,
deren Mitglieder in der Mehrzahl überzeugte Nationalsozialisten,
Antisemiten und Rassisten waren, dass ihnen für die Zeit nach dem
Nationalsozialismus keineswegs eine befreite Gesellschaft oder auch nur eine
bürgerliche Demokratie vorschwebte, sondern ein modifizierter
Nationalsozialismus, wird dabei gern verschwiegen.
Uns kommt das kalte Grausen, wenn wir sehen, wie wenig Aufmerksamkeit im
Vergleich dazu solchen Widerstandskämpfern wie denen der Lechleiter-Gruppe
zukommt. Sie sind es, denen in unseren Augen ohne Zweifel die Vorbildrolle
zukommen sollte. Es waren in der Mehrzahl Kommunisten und Sozialdemokraten, wie
die Mitglieder der Lechleiter-Gruppe, die dem Terror der Nazis entschlossenen
und aktiven Widerstand entgegensetzten. Sie begannen, im Gegensatz zur
erzreaktionären Stauffenberg-Clique, nicht erst dann und deshalb zu
opponieren, als und weil sich die militärische Niederlage abzuzeichnen
begann.
Der Umsturz war in den Augen der Lechleiter-Gruppe nicht deshalb nötig,
weil die Führungsriege des nationalsozialistischen Deutschlands
militärstrategische Fehler machte, sondern weil sie im Nationalsozialismus
das erkannten, was er war: Eine durch und durch menschenverachtende
Gesellschaftsordnung.
Ihre Perspektive als Kommunistinnen und Kommunisten war schon in der Zeit
der Weimarer Republik auf eine fundamentale gesellschaftliche Umwälzung
hin zu einer befreiten Gesellschaft gerichtet. Deshalb war es für sie, im
Gegensatz zu den meisten anderen Deutschen, denk- und machbar, aktiven
Widerstand zu leisten. Genau deshalb aber gehen sie im aktuellen
Geschichtsdiskurs der "Berliner Republik" so dreist, so
unverhältnismäßig, so unverschämt, so beleidigend
unter.
Wenn in Deutschland nach 1945 über den Nationalsozialismus geredet
wurde, so ging es in der Hauptsache um eines: Es musste eine Lesart des
Unbegreiflichen, das geschehen war, gefunden werden, die es erlaubte
weiterzumachen. Weiterzumachen mit dem, was nach unserer Auffassung niemals
hätte weitergehen dürfen: Das Projekt Deutsche Nation. Weil der
Nationalsozialismus kein Unfall und auch kein Zufall war, müssen all
diejenigen, die das politische Projekt Deutsche Nation retten wollen, das
Mitmachen und das Wegschauen fast aller Deutschen rechtfertigen.
Die Stauffenberg-Clique kommt da gerade recht. Das Bild, das von Stauffenberg
vermittelt wird, ist als Symbol zu verstehen. Er soll stellvertretend für
alle stehen, die den Durchschnittsdeutschen symbolisieren. In gutem Glauben,
schuldlos verstrickt gelangt er zu spät zur Einsicht in den
verbrecherischen Charakter des Systems, um das Ruder noch herumzureißen
zu können. Doch immerhin: Er gibt sein bestes. Letzten Endes wird er
selbst zum Opfer.
Da lügt sich eine Nation ganz offensichtlich schamlos ihre
verbrecherische Vergangenheit zurecht. Statt Angriffskrieg und Holocaust sei
einfach alles ein einziges großes Unglück gewesen, heißt es
da. Das Erinnern an Widerstandsgruppen wie die um Georg Lechleiter dagegen
fordert die Auseinandersetzung mit den Teilen der Vergangenheit, die auch
für das Tagesgeschäft der Nation schnell unbequem werden.
Dass die meisten, die aktiv dagegen hielten, eben keine "ordentlichen
Deutschen" waren, sondern Kommunisten, die von eben diesen
"ordentlichen Deutschen" gehasst wurden.
Dass von Anfang an für jeden wachen Geist zu erkennen war, was der Kern
des nationalsozialistischen Projekts war.
Dass es zum Widerstand leisten keineswegs notwendig war, sich an einer
riesigen Verschwörung zu beteiligen, sondern dass es auch aus kleinen
Gruppen aus dem Alltag heraus möglich war.
Dass, wenn nicht Widerstand, so wenigstens partielle, individuelle
Verweigerung oder minimale Sabotage für die meisten möglich gewesen
wäre.
Dass die bürgerliche Demokratie eben nur wenige Demokraten
hervorbringt, die bereit sind, sie zu verteidigen; dass sie dafür aber die
Gefahr in sich trägt, in die Barbarei umzuschlagen.
Dass das einzige, was uns vor dieser Barbarei dauerhaft schützen kann,
eine Gesellschaftsordnung ist, die auf aktiver Partizipation aller am
gesellschaftlichen und politischen Leben beruht.
Dass diese Gesellschaft notwendigerweise auf kollektiver Aneignung des
gesellschaftlich produzierten Reichtums und auf freier Assoziation der
Individuen beruhen muss.
Auch wenn die Vorstellung von Befreiung, welche Menschen wie Georg
Lechleiter hatten, sicher nicht genau die ist, wie die unsere, so mahnt uns ihr
Beispiel: Der Kampf gegen Faschismus macht nur Sinn, wenn er gleichzeitig auch
ein Kampf gegen seine Wurzeln ist.
In diesem Sinne: Gegen die Nation. Für eine herrschaftsfreie
Gesellschaft.
Ak Antifa Mannheim im September 2005.
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4.5.2006
Inhalt:
- Georg Lechleiter
- Der Vorbote,
Flugblatt vom 7. November 1941
- Bekanntmachung
des "Volksgerichtshofs" über die Hinrichtung Georg Lechleiters
- Redebeitrag
zur Gedenkkundgebung an den Widerstand der Lechleitergruppe im Nationalsozialismus
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