Kampf gegen Kriegsvorbereitung und Krieg
Vor 100 Jahren:
Internationaler Sozialistenkongress in Stuttgart
Von Dieter Keller
Vor 100 Jahren, vom 18. bis 24. August 1907, tagte in
Stuttgart der Internationale Sozialistenkongress. Ein wichtiges Ereignis mit
großer Bedeutung für Linke, Sozialisten und Kommunistische Parteien.
Daran zu erinnern ist keine Nostalgie oder revolutionäre Romantik, sondern
seine Ergebnisse und Diskussionen sind von brandaktueller Bedeutung.
Aus Anlass dieses bedeutungsvollen Ereignisses hat sich in Stuttgart ein
Bündnis gebildet. Ihm gehören Initiativen, Vereine, Organisationen
und Parteien an die links von der SPD stehen, von attac bis zum Zukunftsforum
Stuttgarter Gewerkschafter. In Anknüpfung an den Sozialistenkongress von
1907 wollen das Bündnis und die daran Beteiligten mit einer Serie von
Veranstaltungen aktuelle Beiträge zur Strategiediskussion der Linken
leisten. Der Autor dieses Beitrages vertritt in diesem Bündnis die
DKP.
Historischer Hintergrund
An dem Kongress nahmen 884 Delegierte aus 25 Ländern teil.
Vom 17. bis 19. August fand auch in Stuttgart die erste Internationale
Sozialistische Frauenkonferenz statt, die zur Gründung der Sozialistischen
Frauen Internationale führte. Clara Zetkin wurde zur Sekretärin
gewählt. Vom 24. bis 26. August tagte auch der Gründungskongress
der Sozialistischen Jugendinternationale. Karl Liebknecht wurde zum
Vorsitzenden des Internationalen Jugendbüros gewählt. Der Kongress
fand nach der Revolution in Russland von 1905 statt. Die Erfahrungen und
Schlussfolgerungen daraus fasste Rosa Luxemburg 1906 in ihrer Schrift
"Massenstreik, Partei und Gewerkschaften" zusammen. Im Mittelpunkt
des Kongresses standen der Militarismus, die internationalen Konflikte und die
Strategie gegen den drohenden Krieg. Die Frage, wie kommen wir zur
Überwindung des kapitalistischen Systems als Ursache der Kriegspolitik,
stellte sich immer drängender.
Damals vor 100 Jahren trat der Kapitalismus der freien Konkurrenz in
sein imperialistisches Stadium. Die sozialistische Internationale suchte nach
Antworten, nach einer Strategie und Taktik auf diese neuen Herausforderungen.
Was, so fragten sie sich, können wir der Militarisierung, der Vorbereitung
von Kriegen, dem Drang nach imperialistischer Neuaufteilung und Vorherrschaft
in der Welt entgegensetzen? National und international? Welche Kampfformen sind
anzuwenden? Was müssen wir tun gegen die Kolonialpolitik und die damit
verbundene Ausbeutung und Unterdrückung fremder Länder und
Völker? Was tun für die Gleichberechtigung der Frauen und für
die Verwirklichung der Rechte der Jugend im Allgemeinen und der Arbeiterjugend
im Konkreten?
Mit dem Eintritt des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium spitzten
sich die Gegensätze zwischen den imperialistischen Staaten scharf zu.
Krieg "lag in der Luft". Andererseits gab es ein enormes Anwachsen
der sozialistischen Arbeiterbewegung und der revolutionären Frage. In der
sozialistischen Internationale bildete sich eine opportunistische,
reformistische, bürokratische, parlamentarische Strömung heraus. Im
scharfen Gegensatz dazu standen die revolutionären Vertreterinnen und
Vertreter des Marxismus wie Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Lenin, Karl
Liebknecht u. a.
Es ging beim Kongress um folgende fünf Schwerpunkte: Militarismus und
die internationalen Konflikte, die Beziehungen zwischen den politischen
Parteien und den Gewerkschaften, die Kolonialfrage, die Ein- und Auswanderung
der Arbeiter und das Frauenstimmrecht.
Zu all diesen Themenkomplexen wurden Kommissionen gebildet und
Berichterstatter gewählt. Sie hatten die Aufgabe entsprechende
Entwürfe für die Diskussion und zur Beschlussfassung im Plenum zu
erarbeiten. So war z. B. Clara Zetkin Berichterstatterin für die
Kommission zum Frauenstimmrecht, Rosa Luxemburg für die Kommission
Militarismus und internationale Konflikte.
Lenin und Rosa Luxemburg in der Stuttgarter Liederhalle
Unter dieser Überschrift schrieb die Stuttgarter Zeitung vom
17. August 1987 folgendes:
"Ein ungewohnter Anblick, die Liederhalle im revolutionären Glanz.
Rot leuchten die Sockel der Riesenbüsten von Marx und Lassalle, die
Stoffverkleidung der Empore, die Draperie der Orgel, ja sogar die Rahmen der
Bilder, die von früheren Kongressen künden.
´Paris 1889´ steht da zu lesen oder
´Amsterdam 1904´. Und jetzt also auch Stuttgart. (...)
Natürlich ist August Bebel erschienen, die herausragende Figur der
deutschen Sozialdemokratie oder Karl Kautsky. Clara Zetkin, die
Vorkämpferin des Frauenwahlrechts hat ebenfalls an einem der langen Tische
Platz genommen. Lenin ist da und Rosa Luxemburg und natürlich der
belgische Vorsitzende der Zweiten Internationale, Vandervelde. An die tausend
Delegierte aus allen fünf Kontinenten drängen sich im Saal. Gut ein
Dutzend Sprachen tönen durcheinander."
Doch was die Sozialisten der Welt bewegte, sollte nicht im stillen
Kämmerlein bleiben. Am späten Nachmittag begaben sich die Delegierten
zur großen Volkskundgebung auf den Cannstatter Wasen. Mehr als
60 000 Menschen waren auf den Platz geströmt um ihren Protest
und ihre Forderungen der breiten Öffentlichkeit kund zu tun. Auf sechs
Rednertribünen. sprachen 23 Redner aus 14 Ländern. Sie
brachten ihren entschlossenem Kampfeswillen gegen die Bourgeoise und die
Kriegspolitik der Großmächte zum Ausdruck. Nach dieser
Massenmanifestation begann erst so richtig die inhaltliche Arbeit und
Auseinandersetzung um die oben genannten Themen. Erbittert wurde um die
richtigen Inhalte gerungen.
Gravierende Gegensätze in der Kolonialpolitik
Berichterstatter der Kommission zur Kolonialpolitik war der Opportunist van
Kol aus Holland. Er rechtfertigte die kolonialen Eroberungen der
kapitalistischen Staaten und die Ausbeutung der unterdrückten Völker.
Seine Begründung: durch die kapitalistische Kolonialpolitik ließen
sich die Produktivkräfte der Kolonien entwickeln. Als Beispiel der
Kolonisation nannte er die USA und dann wörtlich: "Ohne Kolonisation
Amerikas würden dort heute noch die Eingeborenen in den dürftigsten
kulturellen Verhältnissen leben."
Kein Wort zur Vernichtung der Ureinwohner, der Indianer und ihrer
Unterdrückung. Darüber hinaus wollte er, wie auch Bernstein, die
Anerkennung einer angeblichen sozialistischen Kolonialpolitik. Dazu sagte Clara
Zetkin: "Es gibt keine Kolonialpolitik außer kapitalistischer, und
der Sozialismus bekämpft sie mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln und
ohne einschränkenden und verwirrenden Klauseln."
Nach heftigen Auseinandersetzungen verurteilte der Kongress mit Mehrheit
jegliche Kolonialpolitik als Ausplünderung, Unterdrückung und
Gewaltpolitik. Die Resolution verpflichtete die internationale Sozialdemokratie
unversöhnlich gegen die Unterdrückung fremder Völker und
für die Unabhängigkeit eines jeden Landes zu kämpfen.
Militarismus, internationale Konflikte - Strategie gegen den drohenden
Krieg
Kernfrage beim Kongress war der Kampf gegen Imperialismus und Krieg. Das war
auch Hauptinhalt des direkt anschließend stattfindenden ersten
internationalen Jugendkongresses.
Lenin und Rosa Luxemburg gehörten der Kommission an, die die Frage des
Militarismus und der internationalen Konflikte behandelte.
Dem Kongress lagen 4 Resolutionsentwürfe vor. Drei davon stammten
aus Frankreich (einer von Hervé, einer von Jaures und Vaillant und einer
von Guesde.) Der vierte Resolutionsentwurf war von August Bebel. Alle diese
Resolutionen waren in der Kommission äußerst umstritten. Keiner
konnte, weil unzulänglich, von der revolutionären Sozialdemokratie
angenommen werden. Für die Kommission gab es zwei Möglichkeiten:
entweder einen eigenen Entwurf oder einen der vorhandenen Entwürfe zur
Grundlage machen und diesen zu ändern.
Die Kommission einigte sich auf Bebels Entwurf. Dieser Entwurf - obwohl
ungenügend - bezeichnete im marxistischen Sinne den Kapitalismus als
Ursache für Militarismus und Krieg. Die Aufgaben dagegen waren aber zu
allgemein, orientierten einseitig auf die parlamentarische Tätigkeit und
berücksichtigten zu wenig die Erfordernisse, die im Kampf gegen die
Kriegsgefahr des Imperialismus notwendig waren. Eine Unterkommission, der auch
Rosa Luxemburg angehörte, wurde beauftragt die Änderungsanträge
und den endgültigen Wortlaut auszuarbeiten. Der entscheidende Passus einer
längeren Entschließung, die einstimmig beschlossen wurde,
lautet:
"Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind in den beteiligten
Ländern die Arbeiter und ihre parlamentarischen Vertreter verpflichtet,
alles aufzubieten, um den Ausbruch des Krieges durch entsprechende Mittel zu
verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der
allgemeinen politischen Situation ändern und steigern. Falls der Krieg
dennoch ausbrechen sollte, sind sie verpflichtet für seine rasche
Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, um die
durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur
Aufrüttelung der Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der
kapitalistischen Klassengesellschaft auszunutzen."
Im Amtsblatt der Stadt Stuttgart vom 12. August 1982, also zum
75. Jahrestag des Internationalen Sozialistenkongress ist zu lesen: Im
Hause Clara Zetkin, die damals in Stuttgart Sillenbuch lebte, "legte Lenin
mit den Repräsentanten des linken Flügels der deutschen
Sozialdemokratie die Marschroute für den Kongress fest".
Hätte sich diese Marschroute weltweit durchgesetzt, wäre
Deutschland und der Welt vieles erspart geblieben. Darunter die mehr als
70 Millionen Tote der beiden Weltkriege. Deutschland und die Welt
sähen heute anders, besser aus. Kriege und Kriegsgefahr gehörten der
Vergangenheit an. Doch es kam anders. Schon sieben Jahre später hatten die
deutschen Sozialdemokraten dies vergessen. Sie stimmten, mit Ausnahme von Karl
Liebknecht, am 2. Dezember 1914 im Reichstag den Kriegskrediten zu um
angeblich das "Vaterland" zu verteidigen. Danach ging es Schlag auf
Schlag.
Nur die Partei der Bolschewiki unter Lenin setzte diese Marschroute im
Jahre 1917 mit der Oktoberrevolution um. Unabhängig wie man die
spätere Entwicklung der Sowjetunion einschätzen mag, blieb die
Oktober-Revolution lange das einzige praktisch erfolgreiche Beispiel für
die Konsequenz aus den Stuttgarter Beschlüssen. Heute, nach dem Scheitern
des ersten Versuches den Sozialismus in Europa aufzubauen, sind wir Zeugen
einer erneuten Neuaufteilung und Vorherrschaftsbestrebungen des Imperialismus
in der Welt. Die G8-Staaten und das hinter ihnen stehende internationale
Finanz-, Monopol- und Rüstungskapital majorisieren fast
uneingeschränkt den "Rest der Welt". Für sie ist Krieg
wieder zum Mittel der Politik geworden. Doch Rostock und Heiligendamm haben
gezeigt: Der Widerstand gegen diese mörderische Politik wächst. Er
wird breiter, stärker, lauter und internationaler.
Der Begriff "Vaterlandsverteidigung" wird heute ersetzt durch
"Sicherung des Standorts Deutschland." "Deutsche
Interessen" sollen am Hindukusch militärisch "verteidigt
werden". Neuerdings mit Tornados. Doch diese Interessen sind nicht unsere
Interessen. Es sind Kapitalinteressen. Gleichzeitig wird die weitere
Militarisierung Europas durch die EU mit allen Mitteln vorangetrieben. Der
Zusammenhang von imperialistischer Aggressivität nach außen und
seiner Reaktion nach innen, den Karl Liebknecht aufzeigte, wird immer
deutlicher. Deshalb wird auch weiterhin eine wichtige Forderung der Friedens-
und Arbeiterbewegung sein: Abrüstung statt Sozialabbau und Bundeswehr raus
aus aller Welt.
Zusammenhang von Friedens- und antikapitalistischem Kampf
Die sozialistischen und kommunistischen Parteien stehen heute vor einer
ähnlichen, aber durch die Entwicklung der Massenvernichtungswaffen, der
Kriegsproduktion und der ungeheuren Machtzusammenballung in wenigen Händen
vor einer weit gefährlicheren Situation als vor 100 Jahren. Heute
bemühen sich Sozialisten und Kommunisten um breite Bündnisse für
Frieden und Abrüstung, gegen Kriegsvorbereitung und Krieg. Die
Beweggründe, Zugangswege und Erfahrungen sind dabei sehr unterschiedlich.
Hat in dieser Situation die damalige Entschließung noch ihre
Gültigkeit? Müssen da nicht die sozialistischen und kommunistischen
Parteien darauf Rücksicht nehmen? Unbestritten. In der Breite und ihrem
einheitlichen Vorgehen liegt die Stärke der Bewegung. Daran weiter zu
wirken um mehr Kraft entwickeln zu können ist unerlässlich. Aber
deshalb auf den eigenen sozialistischen, kommunistischen Standpunkt verzichten?
Nein, das wäre mindestens in zweifacher Hinsicht fatal. Erstens: Ein
Bündnis lebt vom gegenseitigen Verständnis, der unterschiedlichen
Erfahrungen, Sprache, Herkunft und Auffassungen. Gerade die marxistische Linke
darf nicht auf das Einbringen der eigenen Positionen und auf streitbare
Diskussionen verzichten. Zweitens müssen, will man sozialistische oder
kommunistische Partei sein, die Ursachen und der Zusammenhang von Krieg und
Kriegsvorbereitung benannt, bekämpft und als längerfristiges Ziel
überwunden werden: Die kapitalistische Klassengesellschaft. Eine andere,
eine antikapitalistische, wahrhaft demokratische, sozialistische Welt ist
notwendig und möglich. Das erfordert den revolutionären Bruch mit den
kapitalistischen Macht- und Eigentumsverhältnissen wie wir es in unserem
Parteiprogramm formulieren. Das ist eine entscheidende Lehre des
Internationalen Sozialistenkongresses. Dafür zu kämpfen lohnt sich im
Interesse des Friedens und des Fortschritts für alle der Völker der
Welt.
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2.7.2007
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